Robert Streibel

Aktuelle Meldungen und Aktivitäten

Das Leben ist ein Projekt. Zwischen Historie und Literatur, zwischen Bildung und Politik, zwischen Heimat und Exil, zwischen Gedenken und Erinnern. Diese homepage öffnet Türen zu einigen Bereichen und bietet vielleicht auch die Möglichkeit eines Gedankenaustausches.


Jean Winckler (Frankreich) hat das Massaker überlebt

Jean Winckler aus Frankreich war wegen Widerstand gegen den Nationalsozialismus als französischer Zwangsarbeiter in Stein in der Nähe von Krems inhaftiert. Er entkam während des Massakers am 6. April 1945 und konnte in den folgenden Wochen versteckt und entkräftet bis nach Gmünd flüchten, wo er die Befreiung erlebt hat. Winckler ist wahrscheinlich einer der letzten Überlebenden, der 2018 noch lebt.

Jean Winckler erinnert sich. Für die Übersetzung der Untertitel danke ich Gaetan Auffret, für die Übertragung in youtube Walter Moser.

Im Jahr 2015 konnten Robert Streibel, Gerhard Pazderka und Valerie Streibel Jean Winckler in Bourges besuchen. Leider war ein persönliches Gespräch mit Jean Winckler nicht möglich.

 

Das Schweigen des Schmerzes
Jean Winckler in Bourges ist der letzte Überlebende des Massakers von Stein

Robert Streibel, 2015

6. April 1945. Françoise kennt das Datum aus der kurzen handgeschriebenen Dokumentation ihres Vaters. Im Jahr 1946 hat er mit Füllfeder auf acht Seiten seine Erlebnisse ab seiner Verschickung in die Ostmark im Februar 1943 festgehalten. Das Papier hat längst einen gelblich braunen Stich bekommen, das Blau ist verblasst, aber so viel Zeit kann gar nicht vergehen, dass Jean diese Jahre vergessen könnte.

Er sieht für seine 92 Jahre sehr gut aus, er hat nur ein Problem, er erinnert sich zu gut. Je älter er wird desto schlimmer wird es. Jean ist vielleicht der letzte Überlebende des Massakers im Zuchthaus Stein am 6. April 1945. Vor 20 Jahren hat er seiner Tochter Françoise, einer Lehrerin für Chemie und Physik zum ersten Mal seine Geschichte erzählt, vorher gab es nur viele kleine anlassbezogene Bruchstücke. Selbst das erste und einzige Puzzlestück in diesem Bild, mit vielen Leerstellen, an das sich Françoise  erinnern kann, ist unbestimmt. Beim Zahnarzt sei sie mit ihrem Vater gewesen und dieser habe ihn gefragt, warum er so wenige Zähne habe. Und da hat ihr Vater geantwortet: Die hat mir ein Russe ausgeschlagen, mehr auch nicht. Seit Jahren versucht Françoise  diese Leerstellen zu füllen. Sie hat die Dokumente in einer Mappe gesammelt, das Kernstück dieser Sammlung sind die Briefe, die Jean an seine Eltern in Paris geschickt hat.

Die Chronologie umfasst Namen und Adressen und viele Unbekannte. Was bedeutet Strasshof, Maria Lanzendorf, Elisabethpromenade, Gefängnis Margaretenstraße, Stein?

In den Briefen schreibt Jean immer wiederkehrend, dass es ihm gut geht, ein Mal kommt der Hinweis, dass er sogar zugenommen habe. Nur wenige Briefe sind an der Zensur vorbei an die Absender gegangen. Die Zensurbehörde, das ist ein quer über die Seite gesetzter Strich, fast scheint es so als ob die Macht des Terrors und der Gewalt stärker verblassen müsste als die Fakten. Würden wir nur die Briefe kennen, wer könnte daraus schließen, wie es wirklich um den 21jährigen bestellt war. Es geht ihm gut, er bekommt zu essen, bei aller Ungewissheit steht am Ende aber eine Zahl: 38 Kilo hat er gewogen, als er befreit wurde. Jean war in keinem Konzentrationslager, er war Zwangsarbeiter und später Häftling in Stein.

Die Striche des Zensors – quer über die Seite gesetzt – verblassen stärker als das geschriebene Wort. Die Zeit der Zensoren ist längst abgelaufen und dennoch sind die Spuren noch lesbar, auf den Briefen und im Leben der letzten Überlebenden. Die Macht des Zensors konnte nichts ausrichten gegen geheime Botschaften der Solidarität. In einem Brief hat Jean quer in die linke Ecke geschrieben:

“ça boum” („es bewegt sich“), der Slogan der Widerstandskämpfer. Wie sollte das ein Zensor wissen? Und in einem Brief steht am Ende keine positive Nachricht. Mit krakeliger Schrift klein geschrieben steht der beunruhigende Satz, dass er sein Augenlicht verloren habe – aber auch hier ein Zusatz „je me défends“ (“Ich verteidige mich”)

Jean muss ein Kämpfer gewesen sein, bereits mit 20 Jahren hat er in der Flugzeugfabrik St.Cloud Aufstände organisiert. Widerstand gegen die Deutschen gab es seitens der Arbeiter aber auch beim Besitzer des Werkes. Die Deutschen wollten, dass Marcel Dassault als „wirtschaftlich wertvoller Jude“ sein Wissen für sie zur Verfügung stellt.  Dassault weigerte sich und kam dafür ins Konzentrationslager Buchenwald. Die Verschickung in die Ostmark war eine Strafmaßnahme gegen den Widerständigen Jean.  Im Werk Dassault hat Jean auch nach seiner Befreiung gearbeitet, er war auch dann Mitglied der kommunistischen Partei und der Gewerkschaft. Im Buch „Turbulences 2. La CGT du Groupe Dassault raconte… 1939-2013“ sieht man Jean auf einem Foto wie er zu Arbeitern spricht.

Dass sich auch seine Kinder politisch betätigen, das war ihm nicht recht, er hatte Angst um sie und fürchtete, dass ihnen ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Seine Tochter Françoise  hat sich an den Rat des Vaters nicht gehalten, sie hat für das Linksbündnis kandidiert und war sechs Jahre als Abgeordnete im Regionalparlament.

Heute lebt Jean im Herzen Frankreichs in Bourges. Ein historischer Ort, an der Demarkationslinie zwischen dem besetzten Frankreich und dem freien Frankreich. In Bourges gibt es seit 2010 auch ein beeindruckendes Museum über die Geschichte mit einem angeschlossenen Archiv. Geschichte hat eine besondere Bedeutung und einen Stellenwert, wie sonst könnte hier ein so großzügig gestaltetes Museum und Archiv stehen? Wer reist stellt immer wieder Vergleiche an, unwillkürlich fällt mir dabei das Dokumentationsarchiv in Wien ein. Die räumliche und finanzielle Situation ist wohl nicht vergleichbar. 12 points go to Bourges. Doch auch im selbstbewussten Frankreich gibt es weiße Flecken. Das Schicksal von Jean Winckler gehört dazu, denn Jean wird man vergeblich auf der Liste der Opfer des Verbandes der Resistance und der Deportierten finden. In dieser Liste werden nur Französinnen und Franzosen geführt, die im Land Widerstand geleistet haben, wer im besetzten Deutschland oder in der Ostmark gearbeitet und dort Widerstand geleistet hat und inhaftiert gehört nicht dazu.

Spät aber doch gab es die Möglichkeit einer Wiedergutmachung für diese Gruppe von französischer Seite und auch von Österreich. Jeans Tochter Françoise  hat die Formulare für ihren Vater ausgefüllt. Das Ansuchen wurde positiv beurteilt und Jean Winckler ein Geldbetrag zugesprochen, doch Jean ist ein Dickkopf und hat sich geweigert das Geld anzunehmen: Er habe das nicht für Geld getan.

Françoise  kennt die Albträume des Vaters die an kein Datum geknüpft sind, aber im April wird alles wieder lebendig. Am 6.April 2015 hat sie wieder einen Versuch unternommen, mehr über die Geschichte ihres Vaters herauszufinden und im Internet gesucht. Am 6. April abends bekam ich ein Email mit dem Hinweis, dass leider auf meiner Website die Informationen nur auf Deutsch zu finden seien. “Gibt es den Roman „April in Stein“ auch in französischer Übersetzung?” Nach einer kurzen Email-Konversation stand der Besuch in Bourges fest. Valerie, meine Tochter, die ein Jahr in Paris gelebt und gearbeitet, würde übersetzen, Gerhard Pazderka, mit dem ich schon den Film über Hadersdorf machen konnte, filmen.

Zwei Tage vor der Abfahrt teilte mir Françoise  mit, dass ihr Vater sich weigere uns zu sehen. Wir fliegen trotzdem, wir wollen es wissen, vielleicht haben wir Glück.

Die Mohnfelder vor Bourges beginnen zu blühen, die Akazienwälder an der Bahnstrecke nach sind weiß und die gelben Ginsterbüsche wuchern wie Unkraut. Als uns Françoise  im Hotel abholt meint sie nur, ihr Vater bleibe dabei, er wolle uns nicht sehen, er habe Albträume genug. Wir spazieren durch das malerische Städtchen Bourges mit der einmaligen Kathedrale aus dem 12./13. Jahrhundert, die selbst die Notre-Dame in den Schatten stellt. Die politische Geschichte von Jean, seines Widerstandes und seiner Haft zwischen Fachwerkhäusern. Ein erstes Kennenlernen mit der Geschichte der Familie Winckler. Im Schatten der Kathedrale zeigt Françoise uns ihre Mappe, liest Passagen aus den Briefen vor.

Und zeigt uns auch den Originalbericht den ihr Vater geschrieben hat.

Nach einem Besuch im Museum werden wir in ihr Haus in La Celle 40 Kilometer von Bourges fahren, um mit ihr ein Interview zu führen. Die drei Katzen sind über uns Eindringlinge im kleinen Haus, einem umgebauten Weinkeller nicht begeistert. Das Schnurren macht sich als Hintergrundgeräusch nicht besonders gut und so müssen sie für eineinhalb Stunden vor der Tür bleiben. Ein idyllischer Flecken, die Rotschwänzchen wippen auf der Steinmauer. Ein Mal mehr zeigt sich, dass der Satz von Saint-Exupéry in seinem “kleinen Prinzen”: “Du siehst nur mit dem Herzen gut”, nicht unbedingt stimmt. Wie kann das Herz wissen, dass in der Zwischenzeit 50 Prozent des kleinen Ortes in dem Françoise  und Jean wohnen für die Front National stimmt?

Jean geht nicht mehr viel aus dem Haus, so wird er mit dieser Realität nicht konfrontiert, Jean lebt in und für seinen Garten. Françoise  meint: Das sei eben die Krise und die Angst.

 

Nach dem Interview ruft Françoise  ihren Vater an. Er erwartet uns, wir können ihm  “Hallo” sagen. Er hat aber nur eine Bedingung: Kein deutsches Wort. Nach fünf Minuten Fahrt parken wir vor dem Haus. Wir werden Jean in seinem Haus sehen und nicht nur via Google- streetview. Als der Kamerawagen durch den Ort Celle fuhr, um die Häuser internettauglich zu präsentieren, war Jean gerade in der Glasveranda. Wer genau schaut, sieht ihn. In den vergangenen Tagen hatte ich mich schon fast mit der Tatsache abgefunden, dass wir Jean nicht sehen und sprechen werden. Das Google Foto seines Hauses mit dem lebendigen Schatten wäre ein Symbol gewesen.

Jean kommt uns entgegen, Händeschütteln, im Hintergrund läuft der Fernseher. Er berichtet dass er 16 Enkelkinder habe, das Haus habe er so groß gebaut, damit alle Platz hätten, jetzt ist es bei den Familienfeiern fast zu klein.
Von seiner Zelle in Stein habe er Richtung Berg geschaut und manchmal seien dort die Menschen hinaufgeklettert und hätten Nachrichten für die Gefangenen hinunter gerufen. In seiner Zelle waren ein Pole, ein Kroate, ein Tscheche. In der Zelle war eine Verständigung mit den Gefangenen fast nicht möglich gewesen. Ein Sprachenmischmasch. Jedes Monat wurde Jean in eine andere Zelle verlegt, er arbeitete an Tarnnetzen, wurde zum Bombenentschärfen nach Wien geschickt, arbeitete in den Gustloff-Werken in der Nähe des Zuchthauses.

Als sich die Tore des Gefängnisses am 6. April geöffnet haben sei er rund einen Tag marschiert. Er habe in einem Wehrmachtauto eingebrochen und eine Landkarte gestohlen, er wollte zu Fuß nach Hause gehen. Nicht nur die Tatsache, dass es sich bei dieser Landkarte um eine Spezialkarte für Flieger gehandelt hat, ließ ihn von seinem Vorhaben absehen. Gemeinsam mit zwei anderen Franzosen aus Stein findet er Zuflucht bei einem Bauern. Ein Franzose habe ihn gerettet, er habe nichts mehr behalten, keinen Schluck Wasser, keine Milch, bis der Franzose ihm Pferdeblut zu trinken gegeben hat.

Als Jean diese Geschichte erzählt, hat er Tränen in den Augen, dass er den Namen seines Retters, der ein französischer Kriegsgefangener war, nicht kennt, das quält ihn bis heute. Für ihn heißt er „Banane“, denn er hatte eine eigentümliche Frisur mit einer Tolle als Haarschopf. Am 18. Mai 1945 ist er in Linz und eine Woche später fliegt er nach Paris zurück.

Françoise  deutet uns, dass wir nicht weiterfragen sollen, sie kennt ihren Vater, wir verabschieden uns und winken.

Wir werden Jean nicht mehr fragen können, wie er in Wien in Kontakt zu den Kommunisten Widerstandskämpfern kam, wie er gefoltert wurde, wie sich diese Szene im April abgespielt hat, als Jean mit einem Zellengenossen am 6. April mit einem SS Mann in der Zelle gekämpft haben und sie siegreich blieben, wie es war, als sie in den Hof kamen und sahen, wie die SS Granaten und Flammenwerfer eingesetzt hat, wie die Zivilisten auf der Straßen sie beschimpft und angegriffen haben, wie sie trotzdem entkommen konnten. Dies wird für immer ungeklärt bleiben.

Wir haben versucht das Schweigen des Schmerzes zu brechen und wir haben Hände geschüttelt: 17 Minuten und kein Wort Deutsch.

 

 

 

 

 

 


Mit der Pendeluhr unterwegs

Bei der Kremsführung “Mazel tov” (18.Mai 2018 im Rahmen des Viertelfestivals NÖ) habe ich eine Pendeuhr mitgeführt. Es ist die Pendeluhr aus dem Geschäft von Peter Bader gegenüber der ehemaligen Synagoge. Die Pendeluhr habe ich geerbt, nach dem Tod meiner Grußmutter nahm ich sie von der Wand und las “Peter Bader, Dinstlstraße 2”. Seit ich mich erinnern kann habe ich die Pendeluhr gehört, fast könnte man sagen, sie hat mir den Schlaf geraubt, sie hing im Schlafzimmer meiner Großeltern, das ich glaube ich so lange sie gelebt haben, nie betreten habe. Die Uhr habe ich gehört, ein dumpfer Klang. Die Uhr trägt nicht nur den Stempel des jüdischen Uhrmachers Peter Bader, sondern auch den Namen des Käufers, der Käuferin. STREIBEL. Auf Raten habe die Großmutter die Uhr gekauft 1937, klärt mich mein Vater auf. Die GEschichte von Peter Bader habe ich recherchiert bevor ich die Uhr bekommen habe.

In einem Gedicht habe ich versucht die Geschichte von Peter Bader zusammenzufassen. Der Lyrikband “Weltgericht auf Besuch” ist in der Zwischenzeit vergriffen.

Seit der Führung in Krems habe ich die Pendeluhr wieder in Betrieb gesetzt, sie schlägt wieder und unsere Nachbarn hören sie, denn Geschichte dringt auch durch jeden noch so dicken Stahlbeton.

Die Pendeluhr

Der Bader hatte gerne die Hände im Sack
unter dem Anzug spannte die Weste:
Er hatte die Brust eines Schwimmers.
Stromab von Dürnstein Hakoah siegte
und weil die Wimpel tümpeln,
springt er zum Gratulieren vom Steg.

Der Bader hatte auch einen Hund
und sonst keine Allüren.
Wenn er über die Straße in die Synagoge ging,
setzte er ihn auf den Polster.
Spaniel oder Spitz,
die Nase ließ er sich küssen.
Am Arm und an der Leine, so klein
hätte er zu einem Juwelier
in jeder Metropole gepasst.

Der Bader spielt mit seinem Schlüssel im Sack,
als hätte er Schätze im Schrank.
Er lächelte sich die Kleinstadt weg
mit Neidern, Nazis und Rabauken.
Die Ehen hielten mit seinen Trauringen auch,
die Pfarrer durften nichts davon wissen.

Im März schlug dem Bader ein Ausverkauf,
ein Purzelbaum vor seinem Geschäft.
Keine Käufer lachten
und raubten die Uhren Ringe.
Zwei flohen nach England,
einer liegt im Wäscheschrank
und einer vor Stalingrad immer.

Die Pendeluhr aber blieb in Krems
Weggelegt für einen Arbeitslosen
tickten die Raten nicht lang.

Im Oktober stromab von Wien die Flucht geglückt,
weil die Wimpel siegten im Land.
Im Juni ertrank im Hafen von Haifa sein Kind,
kein Schwimmer konnte es retten.

Vor Kummer starb er in Tel Aviv
acht Jahre nach dem Mai.
Die Pendeluhr tickt bis heute nicht rund
und schlägt als müsste sie Tote wecken.
Den Lebenden ein Fürchten.

(Für Josef Streibel)

Rundgang Krems. Mazel tov. Pendeluhr von Peter Bader. Fotos: Matthias Streibel

 


Flucht vor dem Tod

Die Hasenjagd überlebt
Jaroslav Hojdar, Übersetzung: Bernhard Riepl , Vorwort von Robert Streibel

Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN: 978-3-99028-637-1
21 x 15 cm, 176 S., Kt., Hardcover; € 20,00

Útěk před smrtí, dt. Übers. von Bernhard Riepl. Hrsg. von Robert Streibel

Am 2. Februar 1945 sind aus dem Block 20 in Mauthausen rund 500 Gefangene, überwiegend sowjetische Offiziere, geflohen. Es handelte sich dabei um sogenannte K-Häftlinge. Gemäß des Kugel-Erlasses vom März 1944 sollten aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entwichene Offiziere sowie ranghöhere Unteroffiziere nach ihrer Ergreifung getötet werden. Der Massenausbruch aus Mauthausen war der einzige in der Geschichte der NS-Terrorherrschaft.

In Jaroslav Hojdars Geschichte haben die Opfer Namen und viele eine Geschichte. Wie meint der grauhaarige Oberst vor dem Massenausbruch zu den versammelten Häftlingen: „Viele von uns werden ums Leben kommen. Es ist möglich, dass wir in diesem Kampf fast alle sterben. […] Jetzt nehmt voneinander Abschied und tauscht die Adressen der euch Nahestehenden aus.“


Das Vermächtnis der Eugenie, Robert Streibel (Hg.) –

Dieser Band versammelt erstmals alle Feuilletons der -großen Pädgogin Eugenie Schwarzwald (1872-1940).
Eugenie Schwarzwald hat eine Pädagogik der Praxis -gepflegt, sie hat im Wien um 1900 Schulen gegründet und war einer der ersten, die Mädchen die Voraussetzungen für ein Studium an der Universität ermöglichten. In einer Zeit, als in der Schule militärischer Drill und der Rohrstock -regierten, hat Sie ihre Schülerinnen und Schüler als Menschen gesehen. Sie hat Geld gesammelt, um Kinder während des Ersten Weltkrieges und danach aufs Land schicken zu können, sie hat Sommerheime gegründet, das Hotel “Seeblick” am Grundlsee als Erholungsheim für geistige Arbeiter betrieben, internationale Netzwerke gepflegt, Künstler und Künstlerinnen gefördert und unzählige Initiativen von Antialkoholikern bis zu Tierfreunden begründet.

Ihr Vermächtnis sind ihre Feuilletons, die sie zwischen 1908 und 1938 geschrieben hat. Mehr als 300 hat sie verfasst. Sie schrieb für die “Neue Freie Presse”, das “Neue Wiener Tagblatt”, die “Bühne” und die “Vossische Zeitung”. Diese Feuilletons sind ein Credo auf die Menschenliebe. Die kurzen Texte sind Miniaturen aus Wien, literarische Denkmäler für ihre Freunde und Bekannten und Berichte von ihren Reisen durch Europa.

Die Bedeutung, die “Fraudoktor” – wie sie liebevoll genannt wurde – in Wien bis zum Aufkommen der Nationalsozialisten gespielt hat, ist auch daran zu ermessen, dass sie auch als Vorlage für literarischen Figuren diente. Von Robert Musils “Diotima” im “Mann ohne Eigenschaften”, bis hin zu Frau Doktor Mania in Josef Weinhebers “Gold außer Kurs” u. a. m. reichen die Beispiele, die hier nachzulesen sind.

Eugenie Schwarzwald, (1872-1940) Pädagogin, -Sozialreformerin, Frauenrechtsaktivistin und eine Pionierin in der Mädchenbildung. Studierte in Zürich, lebte seit 1900 in Wien. Vor den Nazis floh sie in die Schweiz, wo sie 1940 verstarb.

Löcker Verlag, edition pen 72
12,5 x 20,5 cm | Broschur
Ca. 300 Seiten | € 24,80
ISBN 978-3-85409-878-2


Bora. Erzählung Louis Mahrer, kommentiert von Robert Streibel

„Ein Schlüsselwerk in der ungeschriebenen Geschichte antifaschistischer Literatur Österreichs” (Erich Hackl, Die Presse, 22.4.2017)

Die Erzählung „Bora“ von Louis Mahrer (herausgegeben und mit einem historischen Kommentar von Robert Streibel) schildert den Widerstandskampf von zwei Wehrmachtssoldaten in Serbien 1943/1944.

Diese Erzählung ist ein Novum der österreichischen Nachkriegsliteratur, da hier im Jahr 1946/47 zum ersten Mal der Widerstand von Österreichern gegen das NS-Regime in den Reihen der Wehrmacht am Balkan und das brutale Vorgehen gegen die Partisanen und die Bevölkerung dargestellt wird.

 ISBN: 978-3-99028-556-5
21 x 15 cm, 216 S., mit Abb.€ 24,00
Verlag Bibliothek der Provinz

Weitere Informationen: http://streibel.at/bora-widerstand-in-der-wehrmacht/


Michael Viebig, Leiter der Gedenkstätte Roter Ochse, Halle (Saale) über “April in Stein”

 

In meiner Gedenkstätte erhalte und kaufe ich jedes Jahr ziemlich viele Bücher. In den meisten liest man ein wenig herum oder benötigt diesen oder jenen Teil intensiver. Manchmal sind wichtige Fakten enthalten, manchmal werden relevante Sachverhalte gebraucht. Selten bis gar nicht liest man ein Buch zu Ende; es fehlt schlicht die Zeit dazu.

Dein Buch habe ich zu Ende gelesen, von vorne bis hinten, fast ohne Pause. Ich danke Dir für dieses Buch, es ist phantastisch. Wir Historiker denken ja immer, wir müssen ein Ereignis fast „ausforschen“, bis wir es endlich in Abhandlungen oder anderen wissenschaftlichen Formen veröffentlichen. Das nützt den nächsten Historikern und einer interessierten Öffentlichkeit; die breite Mehrheit erreicht man nicht. Ein Roman kann die breite Öffentlichkeit erreichen und ich hoffe, April in Stein findet viele, viele tausend Leser.

Das Buch macht sprachlos, wütend, traurig und das, obwohl unsereiner selber seit mehr als zwanzig Jahren an solchen Themen dran ist und denkt, es kann einen kaum mehr etwas erschüttern. Und dann liest man April in Stein.
Ich habe wichtige Details gefunden, die ich weitergebe (Verurteilte aus der Armia Krajowa, die mein Kollege Lars Skowronski für eine Ausstellung zum Reichskriegsgericht intensiv untersucht- S. 90 Deines Buches) und ich habe wichtige Einzelheiten über die körperliche Selbstbeherrschung verurteilter österreichischer Kommunisten gefunden, die ich jetzt des Öfteren in eigenen Vorträgen zitieren werde („… Kommunisten können sogar auf Befehl scheißen.“- S. 108).

Es ist aber die unvergleichliche Komposition der Personen und Ereignisse und ihr Wechselspiel, das es manchmal schwierig macht, den Überblick zu behalten und die doch auf wundersame Weise nie voneinander getrennt daher kommen. Ich beglückwünsche Dich zu der Eigenschaft, das beherrscht zu haben und damit zu diesem Buch.


Das Wertvollste meiner Jugendzeit

Christa Gierer erinnert sich an Louis Mahrer

Nun schreibe ich Ihnen dieses lange überlegte, immer wieder fallen gelassene mail doch, denn es wird mir immer deutlicher, welch großen Wert das von Ihnen herausgegeben Buch “Bora” von Louis Mahrer für mich hat.

Ich war von 1954-59 seine Schülerin in der Bundesgewerbeschule für Hochbau in Krems. Mein Vater, traumatisiert aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrt, flüchtete, lebensunfähig, wie er war, in den Aufbau eines Betonsteinwerkes und schickte mich ohne viel zu fragen dahin. Es war für mich die falscheste Schule, denn ich hatte für Technik keinen Sinn, war ganz der Literatur und dem Theater hingegeben und in dieser Situation stieß ich auf diesen wunderbaren Deutschprofessor.

Es entstand eine besondere Beziehung zwischen ihm und mir.  Als er mich nach einer Prüfung,  die ja mehr ein intensives, schönes Gespräch war, mit einer Aufgabe in der Bibliothek betraute, entstand im Hin und Her seiner Schlüssel – ein Vertrauensbeweis für mich –  ein Boden, den ich als den meinen erkannte, der aber durch das andere, mir fremde, das ich mir aneignen musste, verhindert wurde. Ich durfte über alles referieren, Colettes “Gigi”, die Kaiserin Elisabeth, Stefan Zweigs “Joseph Fouché”. Ich erinnere mich noch, wie er über Peter Altenberg sprach – Altenberg in einer Bauschule!  Einmal hatten wir eine Schularbeit, deren Thema die Atombombe war, ob wir uns bedroht fühlten oder so ähnlich. Ich hatte zu politischen Themen überhaupt keinen Zugang und wusste einfach nicht, was ich schreiben sollte. Am Ende der Stunde versuchte ich aufrichtig, meine Unfähigkeit zu erklären, es waren nur wenige Zeilen. Er schrieb darunter: “Ein wenig kurz, aber trotzdem sehr gut.”

Von einer Fahrt nach Südfrankreich, die “cité radieuse” von Le Corbusier zu besichtigen, ist mir der kleine Vortrag, den er uns am Vorabend hielt, deutlicher in Erinnerung als das Gebäude. Manchmal sagte er ganz private Sätze über seine Familie zu mir, beispielsweise welches seiner Kinder ihm und welches seiner Frau ähnelte – das fiel mir ein, als ich sie im Film sah. Ich war auch zum Kaffee eingeladen, konnte mich aber an seine Frau erst wieder durch das Foto im Buch erinnern.  Er verschaffte mir eine Nachhilfeschülerin in Mathematik und einmal sagte er zu mir “Sie hätten in ein humanistisches Gymnasium gehört”, mit einem so warmen Verständnis, dass ich es bis heute nachempfinden kann.

Es lag nahe, den Kontakt nach der Matura aufrecht zu halten, es lag an mir, dass es nicht geschehen ist. Der väterliche Betrieb wuchs rasant, ich war den Belastungen nicht gewachsen und ging weg. Ich ging nach Wien, versuchte zu schreiben und interessierte mich für Bewegung. Am hilfreichsten war mir eine Schule für geistige und körperliche Erziehung, geleitet übrigens von einer Schwarzwaldschülerin. Susanne Schmida studierte Philosophie bei Robert Reininger und war eine der ersten Frauen, die in Österreich ein Doktorat erwarben.

In meinem Schreibtisch liegt ein kleiner Brief von Louis Mahrer, den er mir nach einem Klassentreffen, bei dem ich nicht anwesend war, geschrieben hat. Er richtete mir Grüße von den Klassenkameraden aus und meinte, dass mir Krems nicht ganz fremd werden sollte. Er schrieb von Reisen, die er im Sommer machen wollte, erkundigte sich nach meiner literarischen Tätigkeit und dass er sich freuen würde, wenn ich ihn im Herbst besuchen würde. Er schrieb mir seine Telefonnummer auf und bat, ihn anzurufen. Ich tat es nicht. Ich konnte den Abgrund, der sich zwischen mir und Krems aufgetan hatte, nicht überbrücken. Es hat mich aber immer belastet, denn die Begegnung mit ihm war das Wertvollste meiner Jungendzeit. Den Brief habe ich aufgehoben, aber nicht mehr geöffnet und es war fast etwas von Erleichterung in mir, als ich von seinem Tod erfuhr. Er ist mit 1974 datiert. Damals habe ich an Reinhard Federmanns Literaturzeitschrift “Die Pestsäule” mitgearbeitet und Hugo Huppert hat mir seine Gedichte geschenkt mit aufwendigen, netten Widmungen – wie seltsam das alles ist.

Nun, nach der Lektüre seines Buches, durch die ich den Menschen Louis Mahrer kennenlernte, von seinem “geborgten Leben” erfuhr und nach Ansehen des Films habe ich mich zusammen genommen und den Brief wieder gelesen. Nach und nach stellte sich das Gefühl einer neuen Begegnung ein. In seinem Arbeitsjournal, das mich tief berührt hat, schreibt er von der Notwendigkeit einer praktischen Lebenslehre, einer Rückkehr zur Natur wahren Menschentums und genau das habe ich zu meinem Beruf gemacht.

Ich hätte das Institut von Susanne Schmida übernehmen können, aber ich suchte nach ihrem Tod nach einer Ergänzung. Durch einen Vortrag eines Arztes erfuhr ich von dem Bewegungswissenschaftler Max Thun-Hohenstein. Hin- und hergerissen zwischen Literatur und Bewegung interessierte ich mich für seine Lehre mehr, weil ich ihn aus den Briefen von Karl Kraus an seine Geliebte Sidonie Nádherný kannte, wo dieser ihn als “gestörten Geistes” bezeichnet. Sie war seine Cousine, stand zu ihm, heiratete ihn sogar, kehrte jedoch zu Kraus zurück. Das Beziehungsgeflecht, das hier auftauchte, interessierte mich menschlich, wie bewegungswissenschaftlich gleichermaßen. Ich schrieb einen Artikel über ihn, den niemand veröffentlichen wollte, schrieb ihn mehrmals um und wurde gleichzeitig immer mehr von seiner Lehre gefesselt. Schließlich übernahm ich sie und gebe sie nun weiter. Ich schreibe auch über Bewegung und habe so meinen Ausdruck gefunden. György Sébestyen hat meine kleinen Artikel noch in der “Furche” gebracht, doch nach seinem Tod wurde das anders. Thun-Hohensteins Lehre wird heute, wie das Gestaltdenken generell, abgelehnt und undifferenziert in das “braune Eck” gestellt. Ich bin sicher, dass Louis Mahrer in ihr die von ihm gesuchte Rückkehr zum wahren Menschentum gesehen hätte und die Verwobenheit von praktischer Lebenslehre und Literatur hätte ihm gefallen. Die von Thun-Hohenstein, wie auch von Adolf Loos, gebrauchte Bezeichnung “Sozialaristokratie” käme seiner Vorstellung von Kommunismus nahe.

Die Begegnung mit Dr. Alois Mahrer war nicht nur das Wertvollste meiner Jugendzeit, sondern – das ist mir durch das Buch klar geworden –  gab sie mir so viel an Boden, an meinem Boden, dass es mir später möglich war, meine Identität wieder herzustellen, so wie sie mich nun stärkt, meinen Weg trotz aller Widerstände weiter zu gehen.


Peter Donner über Louis Mahrer

Der Schüler Peter Donner (Mitte) erinnert sich an seinen Lehrer Louis Mahrer

mit allen „Dummheiten“ Lehrern gegenüber -ob zurecht oder nicht- war auch ich ausgestattet.
Nur wenige Lehrer gab es in meiner Schullaufbahn, die davon ausgenommen waren…

Davon wiederum war Louis Mahrer – der uns von 1964-1968 in Deutsch u.Französisch unterrichtete – für mich der wichtigste Lehrer, der mich durch seinen ruhigen, aufgeschlossenen und immer wieder mit einem guten Schmäh paraten Unterricht in seinen Bann zog und ich glaub’ ich kann da im Namen aller meiner Mitschüler sprechen.

Ich lernte durch ihn mit Literatur umzugehen – welcher Lehrer hat damals Brecht intensiv vorgetragen…
Es war auch sehr faszinierend wenn Louis M. mit seinem Kofferplattenspieler daherkam und damit eine irre Spannung in die Klasse brachte…Dreigroschenoper, Faust, Romeo u.Julia gelesen von Klaus Kinski, dessen Stimme als Julia ich heute noch im Ohr hab… und das in einer „Bauschule“…

Es gab denk ich in der HTL niemand der nicht wusste dass Louis M. ein Kommunist war und es gab auch glaub ich niemand der ihn nicht trotzdem achtete, in einer Schule in der die Burschenschafter stark vertreten waren…Zeugnis eines großartigen Menschen…

Ich kann mich glücklich schätzen von ihm 5 Jahre lang in einem heiklen Alter unterrichtet und gebildet worden zu sein.

Und deshalb bin ich auch sehr sehr froh über die Wiederauflage seines wichtigen Romans *BORA*.

Maturafoto von Peter Donner:
Louis Mahrer 1 Reihe 4. von links, Peter Donner 2. Reihe 5.v.r