Robert Streibel

Aktuelle Meldungen und Aktivitäten

Das Leben ist ein Projekt. Zwischen Historie und Literatur, zwischen Bildung und Politik, zwischen Heimat und Exil, zwischen Gedenken und Erinnern. Diese homepage öffnet Türen zu einigen Bereichen und bietet vielleicht auch die Möglichkeit eines Gedankenaustausches.


Der Wein des Vergessens: Ausstellung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellung zumsammengestellt von Robert Streibel und Bernhard Herrman
Tafeln 50 x70
Anfragen für Ausstellung: r.streibel@utanet.at

Nächste Termine

10. September 2019, 18:30 Uhr
VHS polycollege Wieden,
Danhausergasse 1, 1040 Wien Tel. 43 1 891 74 105 000
(bis 24.10.)

6.11.2019 18:30
VHS Alsergrund
Galileigasse 8 1090 Wien; Tel. 01 89174 109 000

Ausstellung zumsammengestellt von Robert Streibel und Bernhard Herrman
Tafeln 50 x70
Anfragen für Ausstellung: r.streibel@utanet.at

 


April in Stein

April in Stein
Das Massaker im Zuchthaus Stein am 6. April 1945: Ein Überblick
Stand 2018

Robert Streibel

„Wenn es bei euch Leute gibt, die unsere Erlebnisse anzweifeln, so kann man diese Leute nur zu jener zähen Rasse kompletter Deppen zählen, die ja bekanntlich in keinem Land der Welt aussterben.“ Diese prophetischen Worte schrieb Max Hoffmann, der ehemalige Häftling des Zuchthauses Stein a. d. Donau im Jahr 1946 aus Berlin an seinen Freund und Schicksalsgenossen, den steirischen Bergarbeiter Karl Maria Amreich. Beide überlebten das Massaker und wurden am 8. Mai verwundet aus dem Keller des Gefängnisses befreit.

Am 6. April 1945, wenige Wochen vor der Befreiung ereignet sich in Stein an der Donau eines der größten Massaker kurz vor Kriegsende. Die genaue Zahl der Toten konnte nie festgestellt werden, auf dem Massengrab in Stein ist von 386 Toten die Rede. Bis heute liegen Tote auf dem Weg Richtung St. Pölten noch immer am Straßenrand verscharrt, ohne beerdigt zu sein.

Häftlinge aus ganz Europa waren zwischen 1938-1945 in Stein inhaftiert. Rund ein Viertel waren politische Häftlinge im engeren Sinn, wobei es eine Vielzahl an Delikten gab, die lediglich im Weltbild der Nazis als Verbrechen eingestuft waren, dazu gehört die Verfolgung von Beziehungen von Frauen zu Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern ebenso wie das „Schwarzschlachten“ oder die Manipulation an Essenkarten. Für die politischen Häftlinge ging der Kampf gegen das Regime hinter den Kerkermauern weiter. Die Vorbereitung von Nachrichten, das Abhören von Feindsendern, das Schmuggeln von Lebensmitteln, Sabotage.

Griechen und Tschechen in Stein
Durch halb Europa wurden im Sommer 1944 griechische Widerstandskämpfer verbracht, nur um sie nicht freilassen zu müssen. Rund 400 Griechen warteten sehnlichst auf die Befreiung. Häftlinge aus vielen Nationen sind in Stein eingekerkert. Eine große Gruppe stellen auch die Tschechen. Jaroslav Petras aus Brno ist es gelungen sein Gefängnistagebuch vor der Vernichtung zu retten. Ab 1943 beschreibt und zeichnet er den Alltag in der Zelle, notiert Träume, Wünsche und den Alltag hinter Gittern. Die Zeichnung des Häftlings mit einem Blumenstrauß und dem Galgen auf dem die Gerechtigkeit als Paragraphen-Zeichen ist ein Gruß an seine Mutter.

Liebe Mama!
Zu Deinem Feiertag/und vergangenen Muttertag/wünsche ich Dir zwar aus dem Gefängnis
Aber trotzdem vom ganzen Herzen/ Eine Menge Geld, gute Gesundheit, /das Übrige wird schon der Herrgott richten./ Dass Du nie alt wirst,/ das wünscht Dir Dein Sohn Jara.
Nach dem Krieg war Jaroslav Petras einer der ersten der die Ereignisse des 6. April in Buchform dokumentiert hat.


Keine Verpflegung Anfang April

Spätestens seit dem Bombardement des Bahnhof Krems durch amerikanische Flieger am 2. April war die Versorgungslage im Zuchthaus angespannt und Verpflegung gab es nur mehr für wenige Tage. In dieser Situation beauftragt der Direktor der Anstalt Franz Kodré seinen Stellvertreter beim Vertreter des Gauleiters. Dr. Gruber vorzusprechen. Dieser erhält die Auskunft und die schriftliche Ermächtigung, “nicht asoziale” Häftlinge, soweit es sich nicht um “schwere Fälle politischer oder krimineller Art” handelt, zu entlassen und die übrigen per Bahn, Schiff oder zu Fuß Richtung Westen abzutransportieren.

Was tun bei Herannahen der Front?
Wenige Tage zuvor hatte Kreisleiter Anton Wilthum den Rat gegeben, die Häftlinge einfach umzulegen. Entgegen dieser Anweisung entschließt sich der Direktor des Zuchthauses, alle Häftlinge nach Gesprächen mit einem Häftlingskomitee die Entlassung aller Häftlinge anzuordnen. Für eine Reihe von nationalsozialistisch eingestellten Aufsehern war dies ein unhaltbarer Zustand. Bereits am 5. April werden zwischen 80-100 Häftlinge entlassen.

Am Morgen des 6. April wird mit der Freilassung der Häftlinge begonnen und die Kleidersäcke im Ökonomiehof aufgelegt. Durch die passive Resistenz der Aufseher kommt es zu tumultartigen Szene, die jedoch rasch beruhigt werden können, nachdem rund 10 politische Häftlinge mit Gewehren und Pistolen ausgestattet werden, um für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.

Als der Justizwachbeamte Anton Pomassl von der Bewaffnung der Häftlinge erfährt, wendet er sich zwischen 10 und 11 Uhr an Alois Baumgartner, den stellvertretenden Direktor der Anstalt und fragt, ob es nicht besser sei, die Kreisleitung der NSDAP in Krems zu verständigen, da er eine Revolte der Häftlinge befürchte.

Ohne Rücksprache mit dem Direktor Kodre verständigt Pomassl telefonisch die Kreisleitung der NSDAP Krems und teilt dieser mit, dass in der Strafanstalt “eine Revolte” ausgebrochen sei. Kreisleiter Wilthum verständigt daraufhin Josef Pfeifer, NSKK-Standartenführer, und Major Pribil, den Kommandanten eines Pionier-Einsatzbatallions.

Zum Zeitpunkt des Anrufes bei Major Pribil befindet sich Oberleutnant Lorenz Sonderer, NS-Führungsoffizier und – nach unterschiedlichen Aussagen – Sonderbeauftragter Hitlers bzw. des Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generaloberst Rendulic, bei ihm. Gemeinsam mit SA und SS und Volkssturm fahren die bewaffneten Einheiten zum Zuchthaus, wo sie von Baumgartner mit den Worten empfangen werden “Hier im Haus ist eine Revolte!”

Das Morden beginnt
Die Tore des Zuchthauses werden von den Häftlingen geschlossen und von den Militärs darauf mit Granaten freigesprengt.

Am frühen Nachmittag werden  Kodre und der Verwaltungssekretär Lang sowie der Aufseher Josef Lasky verhaftet und vom  Polizeihauptmann Hahn in das Polizeiamt Krems überstellen. Als der Kreisleiter von dieser Überstellung erfährt, ordnet er  die sofortige Rückführung in die Strafanstalt an,  da die vier Angeklagten in der Strafanstalt auf Befehl des Gauleiters Dr. Hugo Jury sofort standrechtlich zu erschießen seien.

Im Zuchthaus richten die militärischen Einheiten ein Blutbad an. Eine besondere Rolle dabei spielt der SA Standartenführer Leo Pilz. Auf die bereits freigelassenen Häftlinge wird Jagd gemacht. Von St. Pölten und bis nach Hadersdorf zieht sich die Blutspur der als „Kremser Hasenjagd“ verharmlosten Jagd auf Häftlinge.

In der Nacht vom 6. auf den 7. April und am Tag darauf werden die Opfer des Massakers in drei Massengräbern im Wäschereihof, die von überlebenden Häftlingen ausgehoben werden, verscharrt. Jene Toten, die in den Gräbern keinen Platz mehr finden, werden in die Donau geworfen. Die meisten dieser “Totenbestatter” finden nach der Verrichtung ihrer Arbeit ebenfalls den Tod.

Am Tag nach dem Massaker ordnet der neue Direktor der Anstalt Baumgartner die Freilassung von kriminellen Häftlingen an. Die restlichen rund 800 Häftlinge werden mittels zweier Kohlenschlepper auf der Donau nach Passau und von dort weiter in bayrische Strafanstalten nach Straubing und in das Lager Bernau überstellt.

Weitere Massaker am 7. und 15. April
Am 7. April werden 61 Häftlinge in Hadersdorf von der SS erschossen und beim Friedhof in einem Massengrab verscharrt.

Am 15. April werden zum Tod verurteilte Häftlinge, die am 5. April bei Herannahen der Roten Armee von Wien zu Fuß nach Stein getrieben werden, im Hof des Zuchthauses erschossen unter ihnen befinden sich unter anderem Vertreter der Antifaschistische Freiheitsbewegung Österreichs aus Kärnten und auch 17 Polen von der Nachrichtenorganisation „Stragan“, der polnischen Widerstandsbewegung „Armia Krajowa“.  Neben diesen 44 hingerichteten aus Wien werden in diesen Tagen auch noch Todesurteile an drei Kremser Widerstandskämpfern vollstreckt.

Im Keller des Zuchthauses überleben von mehr als 13 verwundeten Häftlingen, die ohne ärztliche Versorgung zurückgelassen nur drei die Zeit bis zur Befreiung am 8. Mai. Neben dem Berliner Max Hofmann sind dies der steirische Bergarbeiter Karl Maria Amreich und der griechische Widerstandkämpfer Gerasimos Garnelis.

Einer der ersten großen Kriegsverbrecherprozesse
Zwischen 5. – 30. August 1946 wurde im ersten großen Kriegsverbrecherprozess Österreichs in Wien gegen die Täter von Stein verhandelt. Für diesen Prozess wurde auch diese Skizze, der Örtlichkeiten angefertigt, die sich im Archiv der Justizanstalt befindet. Die Bedeutung dieses Prozesses zeigt sich bereits daran, dass eine Reihe von Zeitungen vom Prozessbeginn auf der Titelseite berichteten. Zitat „Wiener Zeitung“, Zitat „Österreichische Zeitung“

Während des Prozesses wurden einige Zeugen, die von Häftlingen als Täter identifiziert wurden, im Gerichtssaal verhaftet. Die Angeklagten Leo Pilz, Alois Baumgarten, Anton Pomassl, Franz Heinisch und Eduard Ambrosch  werden zum Tode durch  den Strang verurteilt. Das Urteil wurde am ßßß 1947 vollstreckt.

Karl Sperlich,  Alois Türk, Johans Doppler, Karl Forster und Franz Ettenauer unter Zubilligung mildernder Umstande zu lebenslangem, schwerem, verschärftem Kerker mit Dunkelhaft an jedem 6.,  beziehungsweise 7. April. Karl Rosenkranz erhält drei Jahre schweren verschärften Kerkers. Vier Angeklagte werden freigesprochen.Bis heute unbeachtet blieb, dass mit den Verurteilten bei weitem nicht alle Täter angeklagt worden waren. Nach den Toten, die auf dem Weg Richtung St. Pölten in verschiedenen Orten wie zum Beispiel in Paudorf, Hörfarth und Rottersdorf bei Statzendorf erschossen wurden, wurde nie gesucht, sie liegen bis heute verscharrt in der Erde. Die im Hof des Zuchthauses begrabenen Toten werden im Jänner 1950 exhumiert, wobei insgesamt 209 Überreste von Gefangenen geborgen werden und in einem Massengrab auf dem Friedhof in Stein in unmittelbarer Nähe des Friedhofes beigesetzt.

Gedenken an das Massaker
Die Gemeinde in Hadersdorf hat sich durch Jahre geweigert, der Toten des Massakers vom 7. April 1945 zu gedenken. In einem Gedenkstein wird seit 2009 lediglich der erschossenen Häftlinge von Stein gedacht. Regelmäßig bringen Vertreter von Opferverbänden den Zusatz „politische Häftlinge“ an diesem Grabstein an.

Im Jahr 1995 aus Anlass der 50. Wiederkehr des Massakers wurden im Rahmen einer künstlerischen Aktion 386 Kreuze im Umfeld der Justizanstalt aufgestellt. Hinter jedem Kreuz standen Schülerinnen und Schüler aus Krems.
Bei einer Gedenkfeier im April 2015 wurde eine kleine Gasse zwischen Justizanstalt Stein und der Ringstraße nach Gerasimos Garnelis benannt, der durch den Bürgerkrieg in seiner Heimat nicht nach Griechenland zurückkehren konnte und 1999 in Krems verstorben ist. Seit dem Jahr 2013 organisiert die Stadt Krems das Gedenken an dieses Massaker.

 

 

Literatur: Robert Streibel: April in Stein (Roman 2015)
Moritz Haghofer: Das Massaker im ehemaligen „Zuchthaus“ Stein und die „Kremser Hasenjagd“ im gegenwärtigen lokalen Gedächtnis. Diplomarbeit 2017.
Konstantin Ferihumer:  Der Stein-Komplex. Zur Aufarbeitung von Kriegsendphaseverbrechen des Zweiten Weltkriegs im Raum Stein a. d. Donau. Masterarbeit Universität Wien, 2012.

 


Der Wein des Vergessens

Ausstellung zum Buch

Am 27.8.2018 wird der historische Roman “Der Wein des Vergessens” (Residenz Verlag) ausgeliefert.
Ein Projekt das Bernhard Herrman und mich seit zwei Jahren in Anspruch genommen hat.

Ein dokumentarischer Roman, wie man ihn sich brisanter und spektakulärer nicht ausdenken könnte. 1938 befindet sich die Riede Sandgrube – eines der berühmtesten Weingüter der Wachau – im Besitz des jüdischen Geschäftsmanns Paul Robitschek sein Partner ist August Rieger. Robitschek und der angebliche Baron sind Geschäftsfreunde und zugleich ein glamouröses Liebespaar. Die Denunziationen erleichtern die Arisierung jenes Besitzes, der zur Grundlage der berühmten Winzergenossenschaft Krems wird – ein Begriff für Wein & Kultur weit über die nationalen Grenzen hinaus. Diese Arisierung ist bis heute noch nie Thema der Forschung gewesen. Die Autoren konnten einen Schatz an Dokumenten sicherstellen, mit dem sie eine unglaubliche Geschichte von Verrat und Treue, Liebe und Geschäft, Vernichtung und Verdrängung erzählen.

Wir danken dem Weingut Eschenhof Holzer, dass für uns den “Wein des Vergessens” gekeltert hat. Koordiniert hat diese Aktion studio ideenladen in Krems.
Wein & Buch können Sie auch online bestellen.
Denn: 2x vergessen = 1x erinnert.

 

Kurier 1.9.2018
“Die Winzer müssten froh sein wegen dieser Arbeit”

NÖN Krems, 4.9.2018 

Kurier, 7.9.2018

Presseaussendung Winzer Krems, 6.9.2018 
Presseaussendung Glatt und Verkehrt, 6.9.2018

Junge Welt, Berlin 17.9.2018

Winzer-Buch sorgt weiter für Wirbel
NÖN 17.9.2018

Wine of Oblivion/ Der Wein des Vergessens
Filmbericht in “Kulturzeit (3sat) mit Englischen Untertiteln

Wirbel um Aussagen von Kremser Vizebürgermeisterin
Kleine Zeitung 17.9.2018

Falter Dolm der Woche 18.9.2019

Augustin, 12.9.2018

Erwin Riess: Die Presse Spectrum, 5.10.2018

News 40; 5.10.2018

 

Die “arisierte Sandgrube” Ausstellung
in der Kultur Mitte in Krems Nov. 2018

Lesung im Kammerhofmuseum in Bad Aussee
30.11.2018

Hellmut Butterweck:
Der Wein des Vergessens wird zum Djinn aus der Flasche

God’s Entertainment 9.12.2018
Der Prolog des Romans im Weinkeller

Zweigelt im schautv des Kurier 12.12.2018

Zwielichtiger Zweigelt
Magdalena Pulz in der “Süddeutschen Zeitung” 12.12.2018

Augsburger Allgemeine 13.12.2018
Die Diskussion über die Umbenennung des Zweigelts

 

 

 

Philipp Blom hat uns am 27.8.2018 in die Sendung Punkteins (Ö1) geladen.
Die Sendung zum Nachhören

Die Riede Sandgrube in Krems ist zu Recht einer der bekanntesten Weingärten der Region und bildet den Grundstein der berühmten Winzergenossenschaft Krems. In der Geschichte des Traditionsbetriebs fanden die Historiker Bernhard Herrmann und Robert Streibel Dokumente über die Gründungszeit der Genossenschaft, die sie zu einem Roman verarbeitet haben, vielleicht auch, weil die Wirklichkeit oft so viel extremer und theatralischer ist, als die Fiktion.

Der Roman “Der Wein des Vergessens” erzählt die Geschichte von Paul Robitschek und seinem Partner August Rieger. Robitschek ist 1938 der jüdische Besitzer der Riede Sandgrube und des dazugehörigen Weinguts, sein Geliebter August Rieger gibt sich als Baron aus. Das homosexuelle Paar ist Teil der Gesellschaft. Was nach dem Anschluss passierte und warum diese Geschichte achtzig Jahre nicht erzählt wurde, diskutieren die Autoren mit Philipp Blom.

Nach einem Jahr:

Pressekonferenz der Winzer Krems am 3.7.2019 
Stellungnahme von Franz Ehrenleiter
Ein Schlussstrich unter das Vergessen: Franz Bauer, Obmann der Winzergenossenschaft
Bericht der Historikerkommission des DÖW über die “Arisierung”
Winzer Krems arbeiter Vergangenheit auf. mein Bezirk
Falstaff: Buchtipp
orf.at/ Wissenschaft

Bericht in der ZIB 2 vom 3.7.2019
Bericht in NÖ heute vom 3.7.2019 


Jean Winckler (Frankreich) hat das Massaker überlebt

Jean Winckler aus Frankreich war wegen Widerstand gegen den Nationalsozialismus als französischer Zwangsarbeiter in Stein in der Nähe von Krems inhaftiert. Er entkam während des Massakers am 6. April 1945 und konnte in den folgenden Wochen versteckt und entkräftet bis nach Gmünd flüchten, wo er die Befreiung erlebt hat. Winckler ist wahrscheinlich einer der letzten Überlebenden, der 2018 noch lebt.

Jean Winckler erinnert sich. Für die Übersetzung der Untertitel danke ich Gaetan Auffret, für die Übertragung in youtube Walter Moser.

Im Jahr 2015 konnten Robert Streibel, Gerhard Pazderka und Valerie Streibel Jean Winckler in Bourges besuchen. Leider war ein persönliches Gespräch mit Jean Winckler nicht möglich.

 

Das Schweigen des Schmerzes
Jean Winckler in Bourges ist der letzte Überlebende des Massakers von Stein

Robert Streibel, 2015

6. April 1945. Françoise kennt das Datum aus der kurzen handgeschriebenen Dokumentation ihres Vaters. Im Jahr 1946 hat er mit Füllfeder auf acht Seiten seine Erlebnisse ab seiner Verschickung in die Ostmark im Februar 1943 festgehalten. Das Papier hat längst einen gelblich braunen Stich bekommen, das Blau ist verblasst, aber so viel Zeit kann gar nicht vergehen, dass Jean diese Jahre vergessen könnte.

Er sieht für seine 92 Jahre sehr gut aus, er hat nur ein Problem, er erinnert sich zu gut. Je älter er wird desto schlimmer wird es. Jean ist vielleicht der letzte Überlebende des Massakers im Zuchthaus Stein am 6. April 1945. Vor 20 Jahren hat er seiner Tochter Françoise, einer Lehrerin für Chemie und Physik zum ersten Mal seine Geschichte erzählt, vorher gab es nur viele kleine anlassbezogene Bruchstücke. Selbst das erste und einzige Puzzlestück in diesem Bild, mit vielen Leerstellen, an das sich Françoise  erinnern kann, ist unbestimmt. Beim Zahnarzt sei sie mit ihrem Vater gewesen und dieser habe ihn gefragt, warum er so wenige Zähne habe. Und da hat ihr Vater geantwortet: Die hat mir ein Russe ausgeschlagen, mehr auch nicht. Seit Jahren versucht Françoise  diese Leerstellen zu füllen. Sie hat die Dokumente in einer Mappe gesammelt, das Kernstück dieser Sammlung sind die Briefe, die Jean an seine Eltern in Paris geschickt hat.

Die Chronologie umfasst Namen und Adressen und viele Unbekannte. Was bedeutet Strasshof, Maria Lanzendorf, Elisabethpromenade, Gefängnis Margaretenstraße, Stein?

In den Briefen schreibt Jean immer wiederkehrend, dass es ihm gut geht, ein Mal kommt der Hinweis, dass er sogar zugenommen habe. Nur wenige Briefe sind an der Zensur vorbei an die Absender gegangen. Die Zensurbehörde, das ist ein quer über die Seite gesetzter Strich, fast scheint es so als ob die Macht des Terrors und der Gewalt stärker verblassen müsste als die Fakten. Würden wir nur die Briefe kennen, wer könnte daraus schließen, wie es wirklich um den 21jährigen bestellt war. Es geht ihm gut, er bekommt zu essen, bei aller Ungewissheit steht am Ende aber eine Zahl: 38 Kilo hat er gewogen, als er befreit wurde. Jean war in keinem Konzentrationslager, er war Zwangsarbeiter und später Häftling in Stein.

Die Striche des Zensors – quer über die Seite gesetzt – verblassen stärker als das geschriebene Wort. Die Zeit der Zensoren ist längst abgelaufen und dennoch sind die Spuren noch lesbar, auf den Briefen und im Leben der letzten Überlebenden. Die Macht des Zensors konnte nichts ausrichten gegen geheime Botschaften der Solidarität. In einem Brief hat Jean quer in die linke Ecke geschrieben:

“ça boum” („es bewegt sich“), der Slogan der Widerstandskämpfer. Wie sollte das ein Zensor wissen? Und in einem Brief steht am Ende keine positive Nachricht. Mit krakeliger Schrift klein geschrieben steht der beunruhigende Satz, dass er sein Augenlicht verloren habe – aber auch hier ein Zusatz „je me défends“ (“Ich verteidige mich”)

Jean muss ein Kämpfer gewesen sein, bereits mit 20 Jahren hat er in der Flugzeugfabrik St.Cloud Aufstände organisiert. Widerstand gegen die Deutschen gab es seitens der Arbeiter aber auch beim Besitzer des Werkes. Die Deutschen wollten, dass Marcel Dassault als „wirtschaftlich wertvoller Jude“ sein Wissen für sie zur Verfügung stellt.  Dassault weigerte sich und kam dafür ins Konzentrationslager Buchenwald. Die Verschickung in die Ostmark war eine Strafmaßnahme gegen den Widerständigen Jean.  Im Werk Dassault hat Jean auch nach seiner Befreiung gearbeitet, er war auch dann Mitglied der kommunistischen Partei und der Gewerkschaft. Im Buch „Turbulences 2. La CGT du Groupe Dassault raconte… 1939-2013“ sieht man Jean auf einem Foto wie er zu Arbeitern spricht.

Dass sich auch seine Kinder politisch betätigen, das war ihm nicht recht, er hatte Angst um sie und fürchtete, dass ihnen ein ähnliches Schicksal drohen könnte. Seine Tochter Françoise  hat sich an den Rat des Vaters nicht gehalten, sie hat für das Linksbündnis kandidiert und war sechs Jahre als Abgeordnete im Regionalparlament.

Heute lebt Jean im Herzen Frankreichs in Bourges. Ein historischer Ort, an der Demarkationslinie zwischen dem besetzten Frankreich und dem freien Frankreich. In Bourges gibt es seit 2010 auch ein beeindruckendes Museum über die Geschichte mit einem angeschlossenen Archiv. Geschichte hat eine besondere Bedeutung und einen Stellenwert, wie sonst könnte hier ein so großzügig gestaltetes Museum und Archiv stehen? Wer reist stellt immer wieder Vergleiche an, unwillkürlich fällt mir dabei das Dokumentationsarchiv in Wien ein. Die räumliche und finanzielle Situation ist wohl nicht vergleichbar. 12 points go to Bourges. Doch auch im selbstbewussten Frankreich gibt es weiße Flecken. Das Schicksal von Jean Winckler gehört dazu, denn Jean wird man vergeblich auf der Liste der Opfer des Verbandes der Resistance und der Deportierten finden. In dieser Liste werden nur Französinnen und Franzosen geführt, die im Land Widerstand geleistet haben, wer im besetzten Deutschland oder in der Ostmark gearbeitet und dort Widerstand geleistet hat und inhaftiert gehört nicht dazu.

Spät aber doch gab es die Möglichkeit einer Wiedergutmachung für diese Gruppe von französischer Seite und auch von Österreich. Jeans Tochter Françoise  hat die Formulare für ihren Vater ausgefüllt. Das Ansuchen wurde positiv beurteilt und Jean Winckler ein Geldbetrag zugesprochen, doch Jean ist ein Dickkopf und hat sich geweigert das Geld anzunehmen: Er habe das nicht für Geld getan.

Françoise  kennt die Albträume des Vaters die an kein Datum geknüpft sind, aber im April wird alles wieder lebendig. Am 6.April 2015 hat sie wieder einen Versuch unternommen, mehr über die Geschichte ihres Vaters herauszufinden und im Internet gesucht. Am 6. April abends bekam ich ein Email mit dem Hinweis, dass leider auf meiner Website die Informationen nur auf Deutsch zu finden seien. “Gibt es den Roman „April in Stein“ auch in französischer Übersetzung?” Nach einer kurzen Email-Konversation stand der Besuch in Bourges fest. Valerie, meine Tochter, die ein Jahr in Paris gelebt und gearbeitet, würde übersetzen, Gerhard Pazderka, mit dem ich schon den Film über Hadersdorf machen konnte, filmen.

Zwei Tage vor der Abfahrt teilte mir Françoise  mit, dass ihr Vater sich weigere uns zu sehen. Wir fliegen trotzdem, wir wollen es wissen, vielleicht haben wir Glück.

Die Mohnfelder vor Bourges beginnen zu blühen, die Akazienwälder an der Bahnstrecke nach sind weiß und die gelben Ginsterbüsche wuchern wie Unkraut. Als uns Françoise  im Hotel abholt meint sie nur, ihr Vater bleibe dabei, er wolle uns nicht sehen, er habe Albträume genug. Wir spazieren durch das malerische Städtchen Bourges mit der einmaligen Kathedrale aus dem 12./13. Jahrhundert, die selbst die Notre-Dame in den Schatten stellt. Die politische Geschichte von Jean, seines Widerstandes und seiner Haft zwischen Fachwerkhäusern. Ein erstes Kennenlernen mit der Geschichte der Familie Winckler. Im Schatten der Kathedrale zeigt Françoise uns ihre Mappe, liest Passagen aus den Briefen vor.

Und zeigt uns auch den Originalbericht den ihr Vater geschrieben hat.

Nach einem Besuch im Museum werden wir in ihr Haus in La Celle 40 Kilometer von Bourges fahren, um mit ihr ein Interview zu führen. Die drei Katzen sind über uns Eindringlinge im kleinen Haus, einem umgebauten Weinkeller nicht begeistert. Das Schnurren macht sich als Hintergrundgeräusch nicht besonders gut und so müssen sie für eineinhalb Stunden vor der Tür bleiben. Ein idyllischer Flecken, die Rotschwänzchen wippen auf der Steinmauer. Ein Mal mehr zeigt sich, dass der Satz von Saint-Exupéry in seinem “kleinen Prinzen”: “Du siehst nur mit dem Herzen gut”, nicht unbedingt stimmt. Wie kann das Herz wissen, dass in der Zwischenzeit 50 Prozent des kleinen Ortes in dem Françoise  und Jean wohnen für die Front National stimmt?

Jean geht nicht mehr viel aus dem Haus, so wird er mit dieser Realität nicht konfrontiert, Jean lebt in und für seinen Garten. Françoise  meint: Das sei eben die Krise und die Angst.

 

Nach dem Interview ruft Françoise  ihren Vater an. Er erwartet uns, wir können ihm  “Hallo” sagen. Er hat aber nur eine Bedingung: Kein deutsches Wort. Nach fünf Minuten Fahrt parken wir vor dem Haus. Wir werden Jean in seinem Haus sehen und nicht nur via Google- streetview. Als der Kamerawagen durch den Ort Celle fuhr, um die Häuser internettauglich zu präsentieren, war Jean gerade in der Glasveranda. Wer genau schaut, sieht ihn. In den vergangenen Tagen hatte ich mich schon fast mit der Tatsache abgefunden, dass wir Jean nicht sehen und sprechen werden. Das Google Foto seines Hauses mit dem lebendigen Schatten wäre ein Symbol gewesen.

Jean kommt uns entgegen, Händeschütteln, im Hintergrund läuft der Fernseher. Er berichtet dass er 16 Enkelkinder habe, das Haus habe er so groß gebaut, damit alle Platz hätten, jetzt ist es bei den Familienfeiern fast zu klein.
Von seiner Zelle in Stein habe er Richtung Berg geschaut und manchmal seien dort die Menschen hinaufgeklettert und hätten Nachrichten für die Gefangenen hinunter gerufen. In seiner Zelle waren ein Pole, ein Kroate, ein Tscheche. In der Zelle war eine Verständigung mit den Gefangenen fast nicht möglich gewesen. Ein Sprachenmischmasch. Jedes Monat wurde Jean in eine andere Zelle verlegt, er arbeitete an Tarnnetzen, wurde zum Bombenentschärfen nach Wien geschickt, arbeitete in den Gustloff-Werken in der Nähe des Zuchthauses.

Als sich die Tore des Gefängnisses am 6. April geöffnet haben sei er rund einen Tag marschiert. Er habe in einem Wehrmachtauto eingebrochen und eine Landkarte gestohlen, er wollte zu Fuß nach Hause gehen. Nicht nur die Tatsache, dass es sich bei dieser Landkarte um eine Spezialkarte für Flieger gehandelt hat, ließ ihn von seinem Vorhaben absehen. Gemeinsam mit zwei anderen Franzosen aus Stein findet er Zuflucht bei einem Bauern. Ein Franzose habe ihn gerettet, er habe nichts mehr behalten, keinen Schluck Wasser, keine Milch, bis der Franzose ihm Pferdeblut zu trinken gegeben hat.

Als Jean diese Geschichte erzählt, hat er Tränen in den Augen, dass er den Namen seines Retters, der ein französischer Kriegsgefangener war, nicht kennt, das quält ihn bis heute. Für ihn heißt er „Banane“, denn er hatte eine eigentümliche Frisur mit einer Tolle als Haarschopf. Am 18. Mai 1945 ist er in Linz und eine Woche später fliegt er nach Paris zurück.

Françoise  deutet uns, dass wir nicht weiterfragen sollen, sie kennt ihren Vater, wir verabschieden uns und winken.

Wir werden Jean nicht mehr fragen können, wie er in Wien in Kontakt zu den Kommunisten Widerstandskämpfern kam, wie er gefoltert wurde, wie sich diese Szene im April abgespielt hat, als Jean mit einem Zellengenossen am 6. April mit einem SS Mann in der Zelle gekämpft haben und sie siegreich blieben, wie es war, als sie in den Hof kamen und sahen, wie die SS Granaten und Flammenwerfer eingesetzt hat, wie die Zivilisten auf der Straßen sie beschimpft und angegriffen haben, wie sie trotzdem entkommen konnten. Dies wird für immer ungeklärt bleiben.

Wir haben versucht das Schweigen des Schmerzes zu brechen und wir haben Hände geschüttelt: 17 Minuten und kein Wort Deutsch.

 

 

 

 

 

 


Mit der Pendeluhr unterwegs

Bei der Kremsführung “Mazel tov” (18.Mai 2018 im Rahmen des Viertelfestivals NÖ) habe ich eine Pendeuhr mitgeführt. Es ist die Pendeluhr aus dem Geschäft von Peter Bader gegenüber der ehemaligen Synagoge. Die Pendeluhr habe ich geerbt, nach dem Tod meiner Grußmutter nahm ich sie von der Wand und las “Peter Bader, Dinstlstraße 2”. Seit ich mich erinnern kann habe ich die Pendeluhr gehört, fast könnte man sagen, sie hat mir den Schlaf geraubt, sie hing im Schlafzimmer meiner Großeltern, das ich glaube ich so lange sie gelebt haben, nie betreten habe. Die Uhr habe ich gehört, ein dumpfer Klang. Die Uhr trägt nicht nur den Stempel des jüdischen Uhrmachers Peter Bader, sondern auch den Namen des Käufers, der Käuferin. STREIBEL. Auf Raten habe die Großmutter die Uhr gekauft 1937, klärt mich mein Vater auf. Die GEschichte von Peter Bader habe ich recherchiert bevor ich die Uhr bekommen habe.

In einem Gedicht habe ich versucht die Geschichte von Peter Bader zusammenzufassen. Der Lyrikband “Weltgericht auf Besuch” ist in der Zwischenzeit vergriffen.

Seit der Führung in Krems habe ich die Pendeluhr wieder in Betrieb gesetzt, sie schlägt wieder und unsere Nachbarn hören sie, denn Geschichte dringt auch durch jeden noch so dicken Stahlbeton.

Die Pendeluhr

Der Bader hatte gerne die Hände im Sack
unter dem Anzug spannte die Weste:
Er hatte die Brust eines Schwimmers.
Stromab von Dürnstein Hakoah siegte
und weil die Wimpel tümpeln,
springt er zum Gratulieren vom Steg.

Der Bader hatte auch einen Hund
und sonst keine Allüren.
Wenn er über die Straße in die Synagoge ging,
setzte er ihn auf den Polster.
Spaniel oder Spitz,
die Nase ließ er sich küssen.
Am Arm und an der Leine, so klein
hätte er zu einem Juwelier
in jeder Metropole gepasst.

Der Bader spielt mit seinem Schlüssel im Sack,
als hätte er Schätze im Schrank.
Er lächelte sich die Kleinstadt weg
mit Neidern, Nazis und Rabauken.
Die Ehen hielten mit seinen Trauringen auch,
die Pfarrer durften nichts davon wissen.

Im März schlug dem Bader ein Ausverkauf,
ein Purzelbaum vor seinem Geschäft.
Keine Käufer lachten
und raubten die Uhren Ringe.
Zwei flohen nach England,
einer liegt im Wäscheschrank
und einer vor Stalingrad immer.

Die Pendeluhr aber blieb in Krems
Weggelegt für einen Arbeitslosen
tickten die Raten nicht lang.

Im Oktober stromab von Wien die Flucht geglückt,
weil die Wimpel siegten im Land.
Im Juni ertrank im Hafen von Haifa sein Kind,
kein Schwimmer konnte es retten.

Vor Kummer starb er in Tel Aviv
acht Jahre nach dem Mai.
Die Pendeluhr tickt bis heute nicht rund
und schlägt als müsste sie Tote wecken.
Den Lebenden ein Fürchten.

(Für Josef Streibel)

Rundgang Krems. Mazel tov. Pendeluhr von Peter Bader. Fotos: Matthias Streibel

 


Flucht vor dem Tod

Die Hasenjagd überlebt
Jaroslav Hojdar, Übersetzung: Bernhard Riepl , Vorwort von Robert Streibel

Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN: 978-3-99028-637-1
21 x 15 cm, 176 S., Kt., Hardcover; € 20,00

Útěk před smrtí, dt. Übers. von Bernhard Riepl. Hrsg. von Robert Streibel

Am 2. Februar 1945 sind aus dem Block 20 in Mauthausen rund 500 Gefangene, überwiegend sowjetische Offiziere, geflohen. Es handelte sich dabei um sogenannte K-Häftlinge. Gemäß des Kugel-Erlasses vom März 1944 sollten aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entwichene Offiziere sowie ranghöhere Unteroffiziere nach ihrer Ergreifung getötet werden. Der Massenausbruch aus Mauthausen war der einzige in der Geschichte der NS-Terrorherrschaft.

In Jaroslav Hojdars Geschichte haben die Opfer Namen und viele eine Geschichte. Wie meint der grauhaarige Oberst vor dem Massenausbruch zu den versammelten Häftlingen: „Viele von uns werden ums Leben kommen. Es ist möglich, dass wir in diesem Kampf fast alle sterben. […] Jetzt nehmt voneinander Abschied und tauscht die Adressen der euch Nahestehenden aus.“


Das Vermächtnis der Eugenie, Robert Streibel (Hg.) –

Dieser Band versammelt erstmals alle Feuilletons der -großen Pädgogin Eugenie Schwarzwald (1872-1940).
Eugenie Schwarzwald hat eine Pädagogik der Praxis -gepflegt, sie hat im Wien um 1900 Schulen gegründet und war einer der ersten, die Mädchen die Voraussetzungen für ein Studium an der Universität ermöglichten. In einer Zeit, als in der Schule militärischer Drill und der Rohrstock -regierten, hat Sie ihre Schülerinnen und Schüler als Menschen gesehen. Sie hat Geld gesammelt, um Kinder während des Ersten Weltkrieges und danach aufs Land schicken zu können, sie hat Sommerheime gegründet, das Hotel “Seeblick” am Grundlsee als Erholungsheim für geistige Arbeiter betrieben, internationale Netzwerke gepflegt, Künstler und Künstlerinnen gefördert und unzählige Initiativen von Antialkoholikern bis zu Tierfreunden begründet.

Ihr Vermächtnis sind ihre Feuilletons, die sie zwischen 1908 und 1938 geschrieben hat. Mehr als 300 hat sie verfasst. Sie schrieb für die “Neue Freie Presse”, das “Neue Wiener Tagblatt”, die “Bühne” und die “Vossische Zeitung”. Diese Feuilletons sind ein Credo auf die Menschenliebe. Die kurzen Texte sind Miniaturen aus Wien, literarische Denkmäler für ihre Freunde und Bekannten und Berichte von ihren Reisen durch Europa.

Die Bedeutung, die “Fraudoktor” – wie sie liebevoll genannt wurde – in Wien bis zum Aufkommen der Nationalsozialisten gespielt hat, ist auch daran zu ermessen, dass sie auch als Vorlage für literarischen Figuren diente. Von Robert Musils “Diotima” im “Mann ohne Eigenschaften”, bis hin zu Frau Doktor Mania in Josef Weinhebers “Gold außer Kurs” u. a. m. reichen die Beispiele, die hier nachzulesen sind.

Eugenie Schwarzwald, (1872-1940) Pädagogin, -Sozialreformerin, Frauenrechtsaktivistin und eine Pionierin in der Mädchenbildung. Studierte in Zürich, lebte seit 1900 in Wien. Vor den Nazis floh sie in die Schweiz, wo sie 1940 verstarb.

Löcker Verlag, edition pen 72
12,5 x 20,5 cm | Broschur
Ca. 300 Seiten | € 24,80
ISBN 978-3-85409-878-2


Bora. Erzählung Louis Mahrer, kommentiert von Robert Streibel

„Ein Schlüsselwerk in der ungeschriebenen Geschichte antifaschistischer Literatur Österreichs” (Erich Hackl, Die Presse, 22.4.2017)

Die Erzählung „Bora“ von Louis Mahrer (herausgegeben und mit einem historischen Kommentar von Robert Streibel) schildert den Widerstandskampf von zwei Wehrmachtssoldaten in Serbien 1943/1944.

Diese Erzählung ist ein Novum der österreichischen Nachkriegsliteratur, da hier im Jahr 1946/47 zum ersten Mal der Widerstand von Österreichern gegen das NS-Regime in den Reihen der Wehrmacht am Balkan und das brutale Vorgehen gegen die Partisanen und die Bevölkerung dargestellt wird.

 ISBN: 978-3-99028-556-5
21 x 15 cm, 216 S., mit Abb.€ 24,00
Verlag Bibliothek der Provinz

Weitere Informationen: http://streibel.at/bora-widerstand-in-der-wehrmacht/


Michael Viebig, Leiter der Gedenkstätte Roter Ochse, Halle (Saale) über “April in Stein”

 

In meiner Gedenkstätte erhalte und kaufe ich jedes Jahr ziemlich viele Bücher. In den meisten liest man ein wenig herum oder benötigt diesen oder jenen Teil intensiver. Manchmal sind wichtige Fakten enthalten, manchmal werden relevante Sachverhalte gebraucht. Selten bis gar nicht liest man ein Buch zu Ende; es fehlt schlicht die Zeit dazu.

Dein Buch habe ich zu Ende gelesen, von vorne bis hinten, fast ohne Pause. Ich danke Dir für dieses Buch, es ist phantastisch. Wir Historiker denken ja immer, wir müssen ein Ereignis fast „ausforschen“, bis wir es endlich in Abhandlungen oder anderen wissenschaftlichen Formen veröffentlichen. Das nützt den nächsten Historikern und einer interessierten Öffentlichkeit; die breite Mehrheit erreicht man nicht. Ein Roman kann die breite Öffentlichkeit erreichen und ich hoffe, April in Stein findet viele, viele tausend Leser.

Das Buch macht sprachlos, wütend, traurig und das, obwohl unsereiner selber seit mehr als zwanzig Jahren an solchen Themen dran ist und denkt, es kann einen kaum mehr etwas erschüttern. Und dann liest man April in Stein.
Ich habe wichtige Details gefunden, die ich weitergebe (Verurteilte aus der Armia Krajowa, die mein Kollege Lars Skowronski für eine Ausstellung zum Reichskriegsgericht intensiv untersucht- S. 90 Deines Buches) und ich habe wichtige Einzelheiten über die körperliche Selbstbeherrschung verurteilter österreichischer Kommunisten gefunden, die ich jetzt des Öfteren in eigenen Vorträgen zitieren werde („… Kommunisten können sogar auf Befehl scheißen.“- S. 108).

Es ist aber die unvergleichliche Komposition der Personen und Ereignisse und ihr Wechselspiel, das es manchmal schwierig macht, den Überblick zu behalten und die doch auf wundersame Weise nie voneinander getrennt daher kommen. Ich beglückwünsche Dich zu der Eigenschaft, das beherrscht zu haben und damit zu diesem Buch.